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10.07.2018

Experten fordern radikales Umdenken bei Steuerung der Mobilität

In der Schweiz setzen Politik und Behörden fast ausschliesslich auf Preis und Zeit als Steuerungsmittel des Mobilitätsverhaltens, obwohl die Forschung nachweislich belegt, dass viele weitere Faktoren eine entscheidende Rolle bei der Wahl des Verkehrsmittels spielen. An einer hochrangig besetzten Tagung von AVENIR MOBILITE l ZUKUNFT MOBILITÄT fordern Experten einen Paradigmenwechsel.

Politik und Behörden in der Schweiz gehen immer noch davon aus, dass Menschen bei der Wahl des Verkehrsmittels hauptsächlich auf Zeiteffizienz und Kosten achten. Entsprechend fokussieren die Bestrebungen zur Lenkung des individuellen Mobilitätsverhaltens vor allem auf diese zwei Faktoren, etwa bei der Debatte über Pendlerabzüge, dynamische Billetpreise oder Parkplatzgebühren.


Mobilitätsverhalten basiert auf vielen Faktoren
Die wissenschaftliche Verhaltensforschung belegt jedoch, dass der Mensch auch nach ganz anderen Kriterien entscheidet. So spielen beispielsweise kontextabhänige Faktoren wie Wetter oder Wochentag, individuelle Faktoren wie die Art der Aktivität (Freizeit oder Beruf, Einkaufen oder Ausgehen), Gewohnheiten sowie psychologische Faktoren wie Freiheitsdenken oder das Bedürfnis nach grösstmöglicher Flexibilität eine massgebliche Rolle. Solche gewichtigen Entscheidungskriterien werden jedoch noch kaum in die politische Debatte einbezogen, was zu einer systematischen Fehleinschätzung der Wirksamkeit von Preis- und Zeit-Anreizen führt.


Umdenken gefordert
An einer von AVENIR MOBILITE l ZUKUNFT MOBILITÄT organisierten Fachtagung zum Thema „Verhaltensökonomie & Mobilität“ forderten namhafte Experten ein Umdenken von Politik und Behörden. Laut Reto Dubach, alt Regierungsrat und ehemaliger Präsident der Metropolitankonferenz ZH, ist zur Lösung der Mobilitätsprobleme zwingend sowohl eine Verhaltensveränderung bei den Mobilitätsteilnehmenden als auch bei der öffentlichen Hand notwendig.


Nicole Mathys vom Bundesamt für Raumentwicklung im Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten für den motorisierten Strassen- und Schienenverkehr, dessen Infrastruktur und die damit zusammenhängende Unfall- und Gesundheitskosten mit über 10'000 Franken pro Kopf und Jahr. Laut Mathys könne auch die Verhaltensökonomie einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Mobilitätsprobleme leisten.


Studie bringt wichtige Erkenntnisse zum Mobilitätsverhalten
Gerhard Fehr, CEO der auf verhaltensökonomische Beratung spezialisierten FehrAdvice & Partners AG, betonte die Verantwortung der Behörden, nur solche Massnahmen zur Mobilitätslenkung zu ergreifen, die auch tatsächlich die gewünschte Wirkung entfalten. So zeige eine eben fertiggestellte Studie* zum Mobilitätsverhalten sehr deutlich, dass reine Preis- und Zeit-Anreize oft nicht zur beabsichtigten Wirkung führe. Der Mensch gewichte insbesondere beim Einkaufsverkehr die Kosten- und Zeitfaktoren des gewählten Verkehrsmittels viel weniger stark, als bisher allgemein angenommen wurde. Viele zusätzliche Faktoren wie beispielsweise die Bequemlichkeit, die Wetterbedingungen oder die Kombination des Einkaufens mit anderen Tätigkeiten würden das Mobilitätsverhalten markant beeinflussen. Es brauche daher ein fundamentales Umdenken bei der Entwicklung von Anreizsystemen auf der Basis von Verhaltensforschung.


Paradigmenwechsel bei der Forschung und der Politik gefordert
Gleich argumentierte der am Max Planck Institut in Bonn und an der Universität zu Köln lehrende Verhaltensökonom Prof. Dr. Matthias Sutter. Es sei ein Irrglaube, dass der Mensch rational funktioniere. „Misstrauen Sie daher Studien und daraus abgeleiteten Empfehlungen, die das nicht-rationale Verhalten der Menschen nicht explizit berücksichtigen, denn sie kommen zu grundsätzlich falschen Schlüssen“, betonte er. Es müsse ein Paradigmenwechsel stattfinden in allen drei Bereichen: In der Mobilitätsforschung, der Mobilitätspolitik und Mobilitätspraxis.


Hans Werder, Präsident von AVENIR MOBILITE l ZUKUNFT MOBILITÄT, schloss die Tagung mit dem dezidierten Aufruf nach einem Paradigmenwechsel in der Mobilitätsforschung, Mobilitätspolitik und Mobilitätspraxis. Es gäbe in der Schweiz noch immer Studien, die nur auf Preis-und Zeitfaktoren fokussieren. Diese Veranstaltung habe jedoch klar gezeigt, dass die Realität viel komplexer sei. Es ist an der Zeit, die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie bei allen Mobilitätsthemen miteinzubeziehen. Zukünftige verkehrspolitische Entscheide müssten auf Evidenz beruhen und nicht auf blossen Annahmen zum menschlichen Verhalten.

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