17.08.2026 | Thomas Anwander
Wirtschaftsstrategie des Winterthurer Stadtrats
Im Frühling hat der Winterthurer Stadtrat seine Wirtschaftsstrategie veröffentlicht. Grund für die Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur zu prüfen, ob diese Strategie den Herausforderungen unserer Wirtschaftsregion gerecht wird.
Die neue Wirtschaftsstrategie des Stadtrats mit ihren 22 Massnahmen anerkennt zwar die Bedeutung der Wirtschaft. Das ist positiv. Doch beim Lesen bleibt vor allem ein Eindruck zurück: Viel Analyse, viele gute Absichten – aber zu wenig konkrete Lösungen für die eigentlichen Probleme. Bereits die Ausgangslage sollte alarmieren. Gemäss der Unternehmensbefragung 2025 des House of Winterthur sind nur knapp 70 Prozent der Unternehmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, mit Winterthur als Wirtschaftsstandort zufrieden. Das ist kein Spitzenwert, sondern bestenfalls Mittelmass. Nach unserem Verständnis hat sich die Zufriedenheit in den letzten Jahren sogar verschlechtert
Dass Handlungsbedarf besteht, zeigt auch die Entwicklung der vergangenen Jahre. Unternehmen wie Zimmer, Wärtsilä, Sigvaris oder Netcloud haben Winterthur verlassen oder wesentliche Aktivitäten verlagert. Gleichzeitig ist es kaum gelungen, grössere Unternehmen neu anzusiedeln, die hochwertige Arbeitsplätze schaffen und das Steueraufkommen nachhaltig stärken.
Die Ursachen sind seit Jahren bekannt. Trotzdem werden sie politisch kaum entschlossen angegangen. An erster Stelle steht die Steuerbelastung. Der Kanton Zürich bildet bei der Unternehmensbesteuerung mittlerweile das Schlusslicht im interkantonalen Vergleich. Winterthur gehört innerhalb des Kantons zudem zu den Gemeinden mit den höchsten Steuerfüssen. Für Unternehmen ist das ein klarer Wettbewerbsnachteil. Trotzdem fehlt bis heute eine erkennbare politische Strategie, diesen Nachteil schrittweise abzubauen. Wer neue Unternehmen gewinnen will, muss auch bereit sein, die steuerlichen Rahmenbedingungen zu verbessern.
Mindestens ebenso problematisch sind die Baubewilligungsverfahren. Unternehmen erwarten keine Privilegien – sie erwarten Effizienz, Verlässlichkeit und Pragmatismus. Stattdessen erleben sie viele langwierige Verfahren und einen Verwaltungsapparat, der Investitionen häufig eher kritisch als unterstützend begleitet. Selbst bei notwendigen Parkplätzen müssen Unternehmen teilweise jahrelange Diskussionen führen. Wer Arbeitsplätze schaffen will, sollte nicht gegen Widerstände kämpfen müssen, sondern auf eine Verwaltung treffen, die Lösungen sucht. Eine echte Willkommenskultur für Unternehmen sieht anders aus.
Die aktuelle Verkehrspolitik , welche durch die anstehende Richtplan Revision noch verschärft wird, vermindert die Attraktivität von Winterthur. Industrie und Gewerbe sind auf funktionierende Verkehrswege angewiesen – für Mitarbeitende, Kunden und Lieferanten. Wer den Wirtschaftsstandort stärken will, muss sowohl den öffentlichen Verkehr als auch den motorisierten Individualverkehr leistungsfähig halten und gezielt weiterentwickeln. Diesbezüglich fehlen realistische und umsetzbare Konzepte. Die berechtigten Anliegen von Industrie und Gewerbe finden in der politischen Diskussion oft zu wenig Gehör.
Vor diesem Hintergrund überzeugt die neue Wirtschaftsstrategie nur bedingt. Die 22 Massnahmen bleiben grösstenteils unverbindliche Absichtserklärungen. Konkrete Projekte, messbare Ziele oder verbindliche Zeitpläne sucht man weitgehend vergeblich.
Angesichts der grossen technologischen und geostrategischen Veränderungen wäre gerade jetzt entschlossenes Handeln gefragt. Die Einflussmöglichkeiten der Stadt sind zwar begrenzt. Umso wichtiger wäre es, sich auf jene Bereiche zu konzentrieren, die sie tatsächlich selbst gestalten kann: Steuern, Baubewilligungsverfahren und Verkehrsinfrastruktur. Genau dort bleibt das Papier jedoch auffallend unkonkret.
Die Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur begrüsst, dass die Stadt Winterthur eine Wirtschaftsstrategie ausgearbeitet hat. Unsere Erwartungen wurden aber nur teilwiese erfüllt. Der Stadtrat in seiner neuen Zusammensetzung sollte die Chance packen und Wirtschaftsstrategie nochmals kritisch hinterfragen und sich auf weniger dafür konkrete und messbare Massnahmen fokussieren.
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