08.07.2026 | André Zuraikat
Wenn der Bus nicht mehr kommt: Wie das Dättnau von der Stadt im Stich gelassen wird
Es ist ein seltenes Bild im Winterthurer Stadtparlament: SVP und SP, FDP und GLP, Die Mitte – Schulter an Schulter, vereint in einer gemeinsamen Sache. Keine taktischen Spielchen, kein Parteiengezänk. Nur eine klare Botschaft: So geht es nicht.
Was die Fraktionen zusammengebracht hat, ist kein abstraktes Politikum, sondern der Alltag von über tausend Menschen im oberen Dättnau und knapp viertausend Menschen im gesamten Quartier Dättnau-Steig. Menschen, die ab dem Fahrplanwechsel 2027/28 plötzlich schlechter an ihr Ziel kommen sollen – während überall sonst in der Stadt der ÖV ausgebaut wird. Ein Quartier wird abgehängt, buchstäblich.
Ein Quartier wehrt sich – und wird nicht gehört
Der Quartierverein Dättnau-Steig hat getan, was man von engagierten Bürgerinnen und Bürgern erwartet: Er hat Alternativen erarbeitet, über 35 Begehren fristgerecht eingereicht, den Dialog gesucht. Die Antwort? Achselzucken aus dem Stadtrat. Beteiligung sieht anders aus.
Dabei ist der Kern des Problems rasch erklärt: Die geplante Linienführung verwandelt drei Haltestellen in Einbahnsysteme – je nach Tageszeit wechselnd, verwirrend, unpraktisch. Die Fahrt zum Hauptbahnhof dauert neu über 30 Minuten statt 24. Und als besondere Absurdität macht der Bus seine Pause künftig mitten im Quartier, statt wie bisher am Hauptbahnhof.
Der Widerspruch zur eigenen Strategie
Winterthur hat sich der «5-Minuten-Stadt» verschrieben: Kurze Wege, starker ÖV, weniger Autoverkehr. Der neue Richtplan atmet diesen Geist. Doch was im oberen Dättnau passiert, ist das exakte Gegenteil. Eine Umfrage des Quartiervereins zeigt die vorhersehbare Reaktion: «Ich steige aufs Auto um.» So schafft man keine Verkehrswende – so verhindert man sie.
Wer den Preis zahlt
Seniorinnen und Senioren, die steile Treppen meiden müssen. Familien mit Kinderwagen. Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Arbeitskräfte, welche in die Stadt arbeiten gehen müssen oder einen Anschluss nach Zürich erwischen sollen. Sie alle sind auf einen verlässlichen Bus angewiesen – und genau ihnen wird der Teppich unter den Füssen weggezogen. Ausgerechnet zu den Stosszeiten, ausgerechnet im einzigen Quartier der Stadt, das eine Verschlechterung erfährt.
Es gäbe Lösungen
Das Bittere daran: Der Quartierverein Dättnau-Steig hat praktikable Alternativen auf den Tisch gelegt. Die naheliegendste wäre simpel – die Chauffeurpause zurück an den Hauptbahnhof verlegen, und das Problem löst sich fast von selbst. Warum diese Variante verworfen wurde, leuchtet uns bis heute nicht ein. Wir bleiben am Thema dran.
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