06.03.2026 | Fürschi Züri
WOHNSCHUTZ AUF DEM PRÜFSTAND: LEHREN AUS GENF UND BASEL
Am Thementag zur «Wohnschutz-Initiative» von Fürschi Züri und der Zürcher Handelskammer stand eine zentrale Frage im Raum: Welche Folgen hätte eine zusätzliche Regulierung des Wohnungsmarktes im Kanton Zürich? Vertreter aus Ökonomie, Bauwirtschaft und Politik richteten den Blick dabei bewusst über die Kantonsgrenzen hinaus. Die Erfahrungen aus Genf und Basel-Stadt dienten als Fallstudien – und als Warnung.
HAUSGEMACHTE KNAPPHEIT
Mit dem «Loi sur les démolitions, transformations et rénovations de maisons d’habitation» (LDTR) kennt der Kanton Genf seit rund 40 Jahren eine der strengsten Regulierungen des Wohnungsmarktes. Was einst als Schutzinstrument gedacht war, hat sich nach Einschätzung von Marco Salvi, Managing Economist bei Swiss Economics, zu einem strukturellen Bremsklotz entwickelt. «Wer glaubt, die Regulierung habe sich bewährt, der irrt», sagte Salvi. «Die Knappheit in Genf ist hausgemacht.»
Kurzfristig entlaste der Wohnschutz zwar Bestandsmieter über tiefere Mieten. «Langfristig geht die Regulierung aber auf Kosten der Wohnqualität», so Salvi. Der bauliche Zustand vieler Liegenschaften illustriert seine Aussage: Über 80 Prozent der Gebäude in Genf, die älter als 40 Jahre alt sind, wurden nie umfassend renoviert. Statt energetischer oder struktureller Gesamterneuerungen dominieren minimale Eingriffe – nicht zuletzt, weil die zulässigen Mietanpassungen Investitionen kaum refinanzieren.
Besonders ausgeprägt ist in Genf zudem der sogenannte Rent-Gap. «Keine andere Stadt auf der Welt kennt eine grössere Differenz zwischen Bestands- und Neuvermietungsmiete wie Genf», sagte der Ökonom. Die Konsequenz sei ein «Überkonsum»: Haushalte in langjährigen Mietverhältnissen belegten mehr Wohnraum, als sie eigentlich benötigten. «Das geht zu Lasten junger Familien, Studierenden und Geschiedenen», die auf freiwerdende Wohnungen angewiesen wären.
EINBRUCH DER BAUTÄTIGKEIT
Ein ähnliches Bild zeigt auch der Kanton Basel-Stadt. Dort nahmen die Stimmbürger 2021 eine weitreichende Wohnschutzgesetzgebung an. Seither habe sich die Dynamik deutlich verändert, berichtete Hansjörg Wilde, Präsident des Gewerbeverbands Basel-Stadt. «Das Wohnschutzgesetz verhindert – in Basel ist nicht mehr viel los.»
Die Zahlen seien eindeutig: Die Baugesuche für Wohnungen seien um 76 Prozent eingebrochen. Für die Branche sei das kein abstrakter Indikator, sondern spürbare Realität. «Das wirkt sich selbstredend auf die Geschäftstätigkeit des Handwerks und des Gewerbes aus», sagte Wilde. Projekte würden verschoben oder gar nicht angestossen und Aufträge blieben aus. «Einige Unternehmen sehen sich gar gezwungen, ihre Arbeit heute in den benachbarten Kantonen Basel-Landschaft oder Aargau zu suchen.»
LEHRSTELLEN IN GEFAHR
Daniel Romay, Vorstandsmitglied des Baumeisterverbands Zürich-Schaffhausen, lenkte den Blick seinerseits auf die möglichen Folgen für den Standort Zürich.
Die Baubranche stelle im Kanton rund fünf Prozent aller Arbeitsplätze. «Davon sind 4’500 Lehrstellen.» Hinter diesen Zahlen stünden nicht nur Unternehmen, sondern Ausbildungsperspektiven für tausende junge Menschen.
Sollte der Wohnschutz in Zürich angenommen werden und sich eine Entwicklung wie in Basel-Stadt wiederholen, drohe ein empfindlicher Dämpfer für die Bautätigkeit. Ein faktischer Investitionsstopp träfe nach Romay zuerst die Auftragslage – und «in der Folge die Arbeitsplätze und die Ausbildungskapazitäten.»
Seine Botschaft war klar: Weniger Bauprojekte bedeuten nicht nur weniger dringend benötigter Wohnungen, sondern auch weniger Nachwuchs im Handwerk – mit langfristigen Folgen für die gesamte Branche. Rhetorisch fragte Daniel Romay: «Wer montiert in Zukunft die Toilettenschüssel, wenn die Fachkräfte fehlen?»
REGULIERUNG, RECHTSSICHERHEIT UND DIE ROLLE DER BRANCHE
In der abschliessenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Marcel Rova, Lead Special Projects Real Estate bei der Zurich Invest AG, weitete sich der Blick. So wies Michael Hug, Grossrat in Basel-Stadt, darauf hin, dass nicht nur die inhaltlichen Vorgaben des baselstädtischen Wohnschutzgesetzes, sondern auch deren praktische Anwendung problematisch seien. «Die nun laufenden Korrekturmassnahmen am vorliegenden Gesetzestext werden diesen kaum mehr je ganz aufheben.»
«Die Anwendung eines Wohnschutzgesetzes ist extrem schwierig. Rechtssicherheit ist nicht gegeben.» Gerade bei langfristigen Investitionen im Immobilienbereich seien jedoch stabile und berechenbare Rahmenbedingungen entscheidend. Wenn Unsicherheit über Jahre anhalte, werde Kapital zurückgehalten.
«Diese Zurückhaltung betrifft nicht nur einzelne Projekte, sondern das Investitionsklima insgesamt», unterstrich Fabian Halmer, Präsident des SVIT beider Basel.
Adrian Wyss, Head Division Buildings bei Implenia, lenkte den Fokus seinerseits auf die operative Ebene des Bauens. Die eigentliche Bauzeit sei «meistens die kürzeste Zeit» eines Projekts. Technisch sei vieles optimiert, «die Art und Weise des Bauens ist schon recht ausgereizt». Kostentreiber seien weniger die handwerklichen Abläufe als vielmehr die wachsenden Vorgaben. «Heute müssen wir in jedem Projekt alles neu erfinden.»
Deutlich wurde auch Donato Scognamiglio, Kantonsrat im Kanton Zürich. Die Wohnschutz-Initiative wäre aus seiner Sicht «der Supergau». Doch man dürfe sich als Branche nicht auf eine reine Verteidigungshaltung beschränken, sondern solle sich einbringen und mitgestalten. «Gefragt sind konstruktive und praxistaugliche Lösungen, die Angebot schaffen statt Investitionen bremsen.»
Originalartikel: Fürschi Züri
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