Forum Winterthur

10.03.2026 | Thomas Anwander
Wohnbaupolitik neu denken – Dezentralisierung als Schlüssel für den Kanton Zürich

Wohnen ist das soziale Thema unserer Zeit und stand zu Recht im Zentrum der Kommunalwahlen. Doch die Debatte verengt sich häufig auf den Ruf nach immer mehr staatlichen Eingriffen. Wenn wir das Problem an der Wurzel packen wollen, müssen wir Wohnpolitik als das begreifen, was sie auch ist: Arbeitsplatz- und Standortpolitik. Dabei gilt es, die Rolle von Winterthur und anderen Gemeinden im Gefüge des Kantons neu zu denken.

Der Sog-Effekt: Zürich entlasten, Regionen stärke
Ein zentrales Problem der Wohnungsnot ist das wirtschaftliche Ungleichgewicht innerhalb des Kantons. In der Stadt Zürich konzentrieren sich überdurchschnittlich viele hochbezahlte Arbeitsplätze in den Bereichen Technologie, Finanzen und Unternehmensdienstleistungen. Dieser wirtschaftliche Magnetismus erzeugt erheblichen Siedlungsdruck und treibt die Mieten im gesamten Einzugsgebiet in die Höhe. Ohne eine gezielte Dezentralisierung dieser Arbeitsplätze über den ganzen Kanton hinweg wird das Wohnraumproblem kaum nachhaltig zu lösen sein. Dank des exzellenten öffentlichen Verkehrs ist der Kanton Zürich – und Winterthur als zweitgrösste Stadt – bestens gerüstet für eine stärkere Verteilung der Wirtschaftskraft. Wenn qualifizierte Arbeitsplätze vermehrt dort entstehen, wo Menschen bereits leben, reduziert dies Pendlerströme, entlastet die Stadt Zürich und schafft neue Entwicklungsperspektiven für die Regionen.

Wohnraum für alle – nicht nur für einzelne Gruppen
Die politische Diskussion fokussiert oft einseitig auf günstigen Wohnraum. So berechtigt dieses Anliegen ist, greift es allein zu kurz. Winterthur zeigt exemplarisch: Für eine nachhaltige Stärkung der Steuerkraft braucht es auch leistungsfähige Steuerzahler. Wer ausschliesslich auf günstige Wohnungen setzt, riskiert langfristig eine einseitige Bevölkerungsstruktur. Eine ausgewogene soziale und einkommensmässige Durchmischung hingegen stärkt die finanzielle Basis einer Stadt und schafft Spielraum für Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Lebensqualität. Zudem sind die Wohnbedürfnisse der Bevölkerung äusserst vielfältig. Familien, Singles, Seniorinnen und Senioren oder junge Berufstätige haben unterschiedliche Anforderungen an Lage, Grösse und Ausstattung. Diese Differenzierung kann der Markt in der Regel effizienter und bedarfsgerechter abbilden als die Politik und die Verwaltung. Aufgabe der öffentlichen Hand sollte es daher nicht primär sein, selbst als Bauherrin aufzutreten, sondern die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass ausreichend und vielfältiger Wohnraum entstehen kann.

Innovation statt Bürokratie
Gleichzeitig ist auch die Immobilienwirtschaft gefordert. Verdichtung darf nicht bloss mehr Einheiten auf gleicher Fläche bedeuten, sondern muss mit höherer Wohnqualität einhergehen. Industrielles und modulares Bauen kann Bauzeiten verkürzen und Kosten senken. Angesichts des demografischen Wandels braucht es zudem neue Wohnformen – etwa flexible Wohnmodelle oder neu gedachte Wohngemeinschaften für unterschiedliche Lebensphasen. Damit solche Innovationen möglich werden, benötigen wir deutlich schnellere und verlässlichere Baubewilligungsverfahren sowie einen Abbau von Detailvorschriften, die das Bauen unnötig verteuern. Zusätzliche regulatorische Risiken in Planung, Bewilligung und Bewirtschaftung schlagen sich letztlich in höheren Kosten nieder – und damit in höheren Mieten.Fazit: Marktwirtschaftliche Lösungen nutzen

Die Wohnraumknappheit im Kanton Zürich ist komplex und lässt sich nicht mit einfachen Rezepten beheben. Eine planwirtschaftliche Steuerung, bei der bürokratische Instanzen über Art, Umfang und Preise von Wohnraum entscheiden, führt selten zu besseren Resultaten. Stattdessen sollte der Staat klare, verlässliche Rahmenbedingungen setzen, Innovation ermöglichen und die Dezentralisierung von Arbeitsplätzen aktiv unterstützen. Winterthur hat die Chance, sich als attraktiver Wohn- und Arbeitsstandort weiter zu profilieren. Wenn es gelingt, wirtschaftliche Entwicklung, marktwirtschaftliche Anreize und eine kluge kantonale Verteilung der Arbeitsplätze miteinander zu verbinden, kann unsere Stadt einen entscheidenden Beitrag zur Entspannung des Wohnungsmarktes leisten – ohne die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler übermässig zu belasten. Gerade auch in der laufenden Richtplandiskussionen sollten diese Chancen genutzt werden.

Thomas Anwander
Prösident HAW Winterthur, Kantonsrat Die Mitte

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