11.08.2020

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

In der Schweiz herrscht ein Fachkräftemangel, was zahlreiche Studien belegen. Dies führt dazu, dass Schweizer Unternehmen auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen sind. Aber auch im Inland besteht noch ungenutztes Potential: Dies vor allem in Sachen flexiblere Arbeitsmodelle für ältere Arbeitskräfte und höhere Einbindung von Frauen in die Arbeitswelt. Genau um letzteres geht es beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aus meiner Sicht gibt es drei prioritäre Handlungsfelder:

Teilzeit ermöglichen

In einem Punkt sind primär die Arbeitgeber gefordert. In der Arbeitswelt werden Forderungen nach Teilzeitarbeit leider immer noch zu häufig mit Misstrauen begegnet. Dies ist aber bei Weitem nicht nur ein Thema, das Frauen betrifft. Als anscheinend erster männlicher «Senior Associate» an meinem früheren Arbeitsort, der vergeblich ein Teilzeitpensum beantragt hat, weiss ich dies aus eigener Erfahrung. Ich bin überzeugt: Richtig umgesetzt ist eine Erhöhung der Teilzeitquote sowohl ein Gewinn für die Organisation als auch die Mitarbeitenden. Für mich ist es aber auch eine Realität, dass gewisse Positionen mit überdurchschnittlich hoher Belastung auch weiterhin kaum mit einem Teilzeitpensum zu bewältigen sind. Diese Schwelle ist aber höher angesetzt als heute behauptet wird.

Tagesschulstrukturen einführen

Der Nutzen und die Vorteile einer Tagesschulstruktur, die fixe Unterrichtszeiten mit freiwilligen Zusatzangeboten über die Kernzeiten hinaus verbindet, sind heute in weiten Kreisen anerkannt. Die grosse Angebotsfreiheit ist ein Vorteil für Eltern, weil sie die Betreuung auf ihre familiären Bedürfnisse anpassen können. Es ist aber auch ein Vorteil für das Gemeinwesen, weil heute die Vielzahl an Angeboten mit viel grösserem Aufwand aufeinander abgestimmt werden müssen als bei einer Tagesschule. Die ergänzenden Angebote verursachen aber auch Mehrkosten, die in einem liberalen Modell mindestens zum Teil auf die Eltern überwälzt werden dürfen, die sie in Anspruch nehmen. Dies auch um soziale Gerechtigkeit und eine Gleichberechtigung von verschiedenen Familienmodellen zu erzielen. Die Debatte über die Finanzierung ist jedoch eine schwierige und sollte deshalb so rasch wie möglich gestartet werden. Ein Punkt, der leider vielfach vergessen geht, ist die Raumplanung: Tagesschulen haben andere Raumbedürfnisse und sind kosteneffizienter, wenn sie grösser als herkömmliche Schulen konzipiert sind. Deshalb sollte die Stadt schon heute klare Vorstellungen ihrer zukünftigen Schulstrukturen haben, damit sie sich heute nicht die Chance auf wahrhaft moderne Schulstrukturen im wahrsten Sinne des Wortes verbaut.

Steuerliche Fehlanreize korrigieren

Drittens gibt es im heutigen Steuersystem leider immer noch steuerliche Fehlanreize, die gewisse Mütter rein aus fiskalischen Gründen davon abhalten, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Die Debatte im Nationalrat über die Erhöhung der Kinderabzüge hat klar aufgezeigt, wie schwierig es ist im heutigen Steuersystem ist, allen Interessen gerecht zu werden. Für mich bleibt daher die Individualbesteuerung (unabhängig vom Zivilstand) die gerechteste Besteuerung. Damit würden die meisten negativen steuerlichen Erwerbsanreize beseitigt und darin liegt die Zukunft einer vollkommen gleichberechtigten Welt.

Urs Hofer, Stadtratskandidat FDP

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