Forum Winterthur

08.07.2026 | Lucia Angela Cavegn
Sommerausstellung «Linda Graedel – Petra Sulzer-von der Assen – Oskar Gyllenhammar», Kulturraum IMTENN Elsau Bis 12. Juli 2026

Die aktuelle Kunstausstellung im Kulturraum Elsau umfasst drei künstlerische Positionen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Wer jedoch die drei Werkgruppen eingehend betrachtet, findet heraus, dass der gemeinsame Nenner in der genauen Beobachtung von Bewegung und innerer Energie bzw. Stimmung liegt.

Die Ausstellung ist international besetzt: Linda Graedel wurde 1941 in Kalifornien (San Francisco) geboren und lebt heute in Schaffhausen. Petra Sulzer-von der Assen wurde 1956 in Norddeutschland (Steinfeld) geboren und lebt heute in Winterthur. Oskar Gyllenhammar wurde 1991 in Hudiksvall (Schweden) geboren und lebt heute in Stockholm.

Linda Graedel: Natur, Struktur und Reduktion
Linda Graedel erhielt ihre erste künstlerische Ausbildung an der Art Center School in Los Angeles (heute ArtCenter College of Design in Pasadena). Ihr Studium setzte sie anschliessend in Wien, Paris und Zürich fort. In Paris lernte sie ihren zukünftigen Ehemann und späteren Arzt André Graedel kennen. 1962 folgte sie ihm in die Schweiz. Nach der Heirat kamen ihre beiden Töchter zur Welt. In den 1970er-Jahren zog die Familie von Zürich nach Schaffhausen. Nach der Babypause nahm Linda Graedel ihre künstlerische Tätigkeit wieder auf. Operationen, die ihr Ehemann durchführte, wohnte sie bei und hielt diese in Zeichnungen fest. Dieses vor Ort in Echtzeit erfolgende, unmittelbare Beobachten und zeichnerische Festhalten wurde zu Linda Graedels Markenzeichen. Sie besuchte in Zürich die Premieren des Schauspielhauses und des Opernhauses sowie unzählige Jazz-Konzerte, vor allem an den Festivals von Montreux und Willisau, um die Präsenz und das Charisma der Persönlichkeiten auf der Bühne in ihre Zeichnungen einfliessen zu lassen. Mitte der 1980er-Jahre nahm sie ihre Tätigkeit als Gerichtszeichnerin auf und dokumentierte in den folgenden Jahrzehnten für SRF sowie bekannte Tageszeitungen aufsehenerregende Gerichtsprozesse wie beispielsweise den Fall des «Fraumünster-Postraubs». Nachdem sie über 30 Jahre lang an Gerichtsprozessen und Jazz-Konzerten vor allem Menschen gezeichnet hatte, setzt sie sich seit den 2010er-Jahren vermehrt und seit der COVID-Pandemie intensiv mit organischen Formen wie «Nestern» und «Kokons» auseinander. Diese kompakten runden Formen verweisen auf den Aspekt der energetischen Sammlung und Konzentration und versinnbildlichen Geborgenheit und Schutz. Ihre zeichnerischen Werke zeichnen sich durch eine aussergewöhnlich sichere, lebendige Linienführung aus. Sie oszillieren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion; sie beschreiben nicht nur Figuren und Formen, sondern ebenso deren Charakteristik und deren Ausstrahlung. In ihrer ausgestellten Malerei untersucht sie die Wirkung von Farben in verschiedenen Kombinationen, um Stimmungen zu vermitteln.

Seit den 1970er-Jahren hat Linda Graedel ein vielseitiges Œuvre geschaffen, das dokumentarische Genauigkeit mit künstlerischer Ausdruckskraft verbindet. Die neueste Werkgruppe trägt den Titel «Hommage an John Cage». John Cage war nicht nur ein prägender Komponist des 20. Jahrhunderts, der den Zufall (unter anderem mithilfe des I-Ging) in seine Kompositionen einbezog, sondern auch bildender Künstler. Die ihm gewidmeten Zeichnungen erinnern in ihrer Struktur an Elementarteilchen, die sich in einem fluiden Zustand zwischen «Werdung» und «Auflösung» befinden. Es sind Zeichnungen, die ohne klar umrissene Form auskommen und sich im seismografischen Registrieren von Stimmung und Energie manifestieren. Bei Linda Graedel trägt die zeichnerische Linie selbst Energie, sie folgt dem Impuls der Handbewegung. Selbst mit 85 Jahren ist Linda Graedel stets in Bewegung, «on the move». Die Lebensenergie, die sie versprüht, findet sich in ihrem Schaffen, in ihrem Strich und in ihrer Farbgebung. Im Jahr 2022 ist Linda Graedels Monografie «The Lines of My Life» erschienen, die einen umfassenden Überblick über ihr künstlerisches Schaffen gibt, und im Jahr 2023 hat sie für ihr Lebenswerk die Ehrendoktorwürde der Universität Zürich erhalten.

Petra Sulzer-von der Assen: Mensch, Form und Bewegung
Wie bei Linda Graedel zeigte sich auch bei Petra Sulzer-von der Assen bereits in jungen Jahren eine künstlerische Begabung. Aus wirtschaftlichen Überlegungen entschied sie sich jedoch zunächst für einen Beruf im medizinischen Bereich. Es folgten Heirat und Familiengründung. Erst als das jüngste ihrer drei Kinder in den Kindergarten eintrat, waren die Voraussetzungen gegeben, ihrem Wunsch nach einer künstlerischen Tätigkeit nachzukommen. Damals war sie 43 Jahre alt. An der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) belegte sie diverse Kurse wie figürliches Modellieren, Gusstechniken sowie Zeichnen und Malen. Zudem absolvierte sie regelmässig Studienaufenthalte im In- und Ausland, um ihre künstlerische Ausbildung zu vertiefen. Ihr besonderes Interesse galt von Beginn an der «Formung» der menschlichen Figur beziehungsweise der Gestaltung des Körpers – sei es auf Papier oder freistehend im Raum. Ihre ersten dreidimensionalen Arbeiten entstanden vor allem in Ton und Wachs und dienten häufig als Vorlagen für Bronzegüsse. Inzwischen umfasst ihr plastisches Œuvre mehr als 420 Bronzefiguren. Darüber hinaus sind in den vergangenen Jahren Werke aus Marmorgips und Beton entstanden.

Petra Sulzer-von der Assen ist eine Künstlerin, die sich stark für Materialien und ihre Wirkung interessiert. Ihre Offenheit und Experimentierfreude zeigen sich auch darin, dass sie mit verschiedenen Werkstätten zusammenarbeitet und neue Verfahren in den künstlerischen Gestaltungsprozess einbezieht. Neuerdings verwendet sie Styropor, um grossformatige Modelle zu schaffen. Das Material wird von ihr zugeschnitten und dann mit Bandagen «verbunden». Diese «Rohfassungen» werden digital gescannt und danach im 3D-Druckverfahren aufgebaut. Das dabei verwendete Material besteht aus biobasierten Polymeren. Die beim Druck entstehenden Schichtlinien werden anschliessend abgeschliffen, bevor die Figur farbig lackiert wird. Der Vorteil dieses Verfahrens liegt auf der Hand: Die Skulpturen können in unterschiedlichen Grössen und Farben hergestellt werden. Zudem sind sie im Vergleich zu den traditionell hergestellten Figuren ausgesprochen leicht.

In nahezu allen ihre Arbeiten steht der Mensch im Allgemeinen im Zentrum. Dadurch entsteht eine Spannung zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, die durch die Spiegelungen auf den lackierten Oberflächen – je nach Lichteinfall und Betrachtungswinkel – noch verstärkt wird. In den aktuellen Arbeiten wird der Körper zu einem blockhaften Volumen. Es ist nicht mehr der Körper selbst, der uns anspricht, sondern seine Haltung und Bewegung als Ausdruck seines Innenlebens. Die Künstlerin formuliert ihre Intention wie folgt: «In meiner Arbeit bin ich immer auf der Suche nach der richtigen Form.» In ihren Zeichnungen erfasst sie den menschlichen Körper mit wenigen energischen Linien. Obschon ihre Arbeiten auf Papier stark die Volumina betonen und malerisch ausgeführt sind, verfügen sie über Berührungspunkte zu den schnellen Figurenzeichnungen von Linda Graedel, etwa im Formenrhythmus, in der Figur in Bewegung sowie in der Spürbarkeit des Körpertonus.

Oskar Gyllenhammar: Poesie des Alltags
Oskar Gyllenhammar ist ein schwedischer Singer-Songwriter und autodidaktischer Maler. Er wuchs in der schwedischen Kleinstadt Hudiksvall auf. Nach einem Musikstudium und ersten Erfolgen mit der Band Klubb Hjärtat erhielt er einen Plattenvertrag bei EMI. 2011 erschien dort sein Debütalbum «Tågen slutar aldrig gå härifrån» («Von hier fahren die Züge nie mehr weg»). Schon in jungen Jahren hatte Oskar Gyllenhammar die Malerei als persönliches Ausdrucksmittel für sich entdeckt. Doch lange Zeit stand die Musik im Vordergrund. Während der Pandemie fand er zur Malerei zurück und seither widmet er sich ihr intensiv. Als bildender Künstler arbeitet er vorwiegend in Öl und Ölpastell. Zudem ist er in den Sparten Film und Fotografie künstlerisch tätig. Im vergangenen Jahr hat er erstmals in seiner Heimatstadt Hudiksvall Werke ausgestellt. Dort wurde der Ausstellungsmacher Res Hugi auf ihn aufmerksam und lud ihn zur aktuellen Ausstellung nach Elsau ein.

Oskar Gyllenhammars Bildwelt ist gegenständlich, geprägt von persönlichen Erinnerungen und Stimmungen. Als Maler interessiert er sich für den poetischen Gehalt des Alltäglichen. Die eigene Umgebung und selbst erlebte Alltagssituationen sind oft der Ausgangspunkt seiner Bilder. Im Vordergrund steht jedoch weniger eine Geschichte als vielmehr eine Stimmung, eine Atmosphäre im Raum. Es sind Augenblicke, die vielen von uns bekannt vorkommen, die aber durch eine ausdrucksstarke Farbigkeit, die künstlerische Lichtführung und die Komposition des Bildraumes eine zusätzliche emotionale Tiefe erhalten.

In seiner Kunst geht es um die Resonanz von Stimmungen, die zu Erinnerungen werden. Seine Bilder wirken wie eingefangene Momente, die emotional nachhallen. Sie halten den Übergang zwischen Erleben und Erinnern fest – jenen Augenblick, in dem eine alltägliche Situation sich plötzlich als Erinnerung im Gedächtnis festsetzt. Seine Musik und seine Malerei scheinen weniger Ereignisse erzählen zu wollen als den Moment nach dem Erlebnis: den Nachklang, den Eindruck, das Gefühl, das bleibt. Seine Malerei lässt sich als Fortsetzung seiner Songtexte mit anderen Mitteln interpretieren: persönlich, stimmungsvoll, nachdenklich und poetisch. Manchmal schwingen Melancholie, Einsamkeit, Stille und unbeantwortete Fragen mit. 

 

Adresse:
Kulturraum IMTENN
Hohlgasse 6
8352 Elsau

www.imtenn.com

Öffnungszeiten: 
Täglich: 14 bis 18 Uhr

Veranstaltungen:
Freitag, 10. Juli 2026, ab 20 Uhr
Theateraufführung mit Irina Schönen und Gian Rupf: Erich und Gerda

Samstag, 11. Juli 2026, ab 14 Uhr
Workshop mit Svan Brugger und Petra Sulzer-von der Assen: Präsentation der Herstellung von 3D-Skulpturen

Sonntag, 12. Juli 2026, ab 14 Uhr
Finissage mit Oskar Gyllenhammar und Schwedenbuffet

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