14.04.2021

Smart City Winterthur (Teil 1): Pionier – oder doch nur innovativer Mitläufer?

2018 hat Winterthur als eine der ersten Schweizer Städte eine Strategie Smart City verabschiedet. Doch ist die Stadt seither so viel smarter geworden? Wie steht sie im Vergleich da? Und setzt die Stadt die richtigen Prioritäten? Verschiedene Gespräche des Forums gewähren Einblick in die Standpunkte der Involvierten.

Gemäss einer Studie von Avenir Suisse aus dem Jahr 2019 gehört Winterthur zum Mittelfeld der Schweizer «Smart Cities», Zürich liegt gemäss einer Studie (2020) von IMD weltweit auf Platz 3. Vicente Carabias, Leiter der Fachstelle Smart City, erklärt: «Diverse wegweisende Projekte wurden in den letzten Jahren in Winterthur realisiert, darunter emissionsarme Kehrichtfahrzeuge, Licht nach Bedarf, die Klimaanalyse Lokstadt, der Stadtmelder, das Quartierleben oder die Nachbarschaftshilfe. Ausserdem werden durch andere Fachbereiche wie etwa Stadtwerk Winterthur wichtige Projekte umgesetzt, und viele weitere aussichtsreiche Projekte erhalten eine Anschubfinanzierung über einen Innovationskredit, der jährlich bis zu CHF 200'000.— bereitstellt.»

Auch mehrere Verwaltungsprozesse sind digital, so z.B. das Baubewilligungsverfahren oder der Chatbot Einbürgerung. Und dennoch: In Zürich beispielsweise hat man über «Mein Konto» einen zentralen Online-Zugang zu städtischen Services. Auch in Wil oder St. Gallen besteht die Möglichkeit, über einen Online-Schalter diverse Verwaltungs-Dienstleistungen zentral abzurufen.

«Insgesamt sind wir auf Kurs – wir wissen, dass wir teilweise noch zulegen können, und trotzdem haben wir bereits einiges vorzuweisen, an dem sich andere Städte teilweise sogar orientieren.», so Carabias. Direktvergleiche müsse man relativieren: Winterthur habe lediglich eine Vollzeitstelle, Zürich beispielsweise rund 500 Stellenprozent für den Bereich Smart City abgestellt. Ralph Peterli, Präsident der Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur HAW, sagt dazu: «Wir sehen ein konstantes Wachstum der restlichen Verwaltung. In Zeiten der Digitalisierung müsste der Trend eigentlich in die andere Richtung gehen.»

Doch neben den Finanzen spielt auch der Einsatz aller Akteure eine entscheidende Rolle. Fabian Danko, Vorstandsmitglied von Digital Winterthur, erklärt: «Es wäre wohl naiv zu glauben, dass Digitalisierung von einzelnen Institutionen angeordnet werden kann. Der Anstoss kann von öffentlich-rechtlicher Seite kommen, aber danach geht es nur mit vereinten Kräften.» Dies sieht auch Carabias so: «Partnerschaften mit Hochschulen, privaten Initiativen, dem Bund oder internationalen Partnern gehören zum Standard, genauso wie Mischfinanzierungen mit Dritten für die Erprobung sozialer und technologischer Innovationen im Living Lab Winterthur.»

Apropos international: Die aktuellen Entwicklungen müssten auch immer im jeweiligen kulturellen und staatlichen Kontext gesehen werden, was länderübergreifende Vergleiche erschwere, so Kevin Andermatt, wissenschaftlicher Mitarbeitender der ZHAW und forschend zum Thema Smart City. «Gerade in asiatischen Ländern werden teils technisch hochgerüstete Städte in Rekordzeit aus dem Boden gestampft, wobei Fragen der öffentlichen Akzeptanz oft vernachlässigt werden, was sich dann negativ auf die soziale Nachhaltigkeit solcher Grossprojekte auswirkt.»

Die Verwirklichung der Smart-City-Strategie in Winterthur erfordert also geduldiges und vielschichtiges Wirken auf mehreren Baustellen. Private Vorstösse wie die Cluster-Initiative oder Digital Winterthur sind unerlässlich für die Symbiose von Praxis und Theorie, in der Winterthur seit jeher stark ist. Grundsätzlich ist man auch laut Danko auf dem richtigen Weg: «Die letzten zwei Jahre wurden aus unserer Perspektive durchaus die richtigen Weichen gestellt und auch vieles tatkräftig umgesetzt.»

Und dennoch: Will Winterthur auf lange Sicht wirklich smarter werden, reichen eine 100%-Dotierung und Anschubfinanzierungen wohl nicht aus. Doch mehr Geld ist nicht immer die Lösung: Die richtige Priorisierung – und damit das Sparen sowie Mehrwerte an anderer städtischer Stelle – scheint der richtige Ansatz zu sein. Projekte wie die Klimaanalyse Lokstadt und das Quartierleben mögen ihre Berechtigung haben – doch müsste die Verwaltung in Zeiten von Kryptowährungen, autonomem Verkehr und Onlinehandel nicht vielmehr darauf drängen, rasch einen flächendeckend möglichst hohen Grad der Digitalisierung hinzubekommen – und so bedeutende Effizienzgewinne zu generieren? Lesen Sie in Teil zwei zum Thema «Smart City Winterthur», in welchen Bereichen aus Sicht des Forum Winterthurs noch Verbesserungspotenzial besteht.

Redaktion/ms

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