07.07.2022

Sanierung Theater Winterthur: fragwürdige Kostenverdoppelung

Über die nötige Sanierung des Theaters Winterthur wird seit 2011 diskutiert. Bis 2015 war dabei die Rede von über CHF 40 Mio. Kosten dieses Projektes, worauf die HAW zusammen mit anderen Verbänden den Neubau des Theaters ins Spiel brachte. Ende 2018 zeigte eine Studie, dass CHF 19.4 Mio. ausreichen sollten, um das Gebäude instand zu setzen. Vor wenigen Wochen wurden nun die definitiven Kosten veröffentlicht. Sie belaufen sich nun aber auf über CHF 38 Mio., davon sind gut CHF 30 Mio. als gebunden erklärt und sind somit nicht mehr anfechtbar. Wie kann das sein?

Mit dem Bau des Theaters wurde in Winterthur eine Weiche gestellt: Die Stadt erhielt mit dem grössten Gastspielhaus der Schweiz ein hoch spezialisiertes Gebäude mit rund 800 Sitzplätzen und heimste sogleich den Europäischen Stahlbaupreis ein. Nach 40 intensiven Betriebsjahren machte sich der Erneuerungsbedarf bemerkbar, worauf 2011 eine Gebäudeanalyse zur Sanierung erstellt wurde. Die Zahl liess erschauern: CHF 35 bis 43 Mio. sollte die Sanierung des Theaters Winterthur kosten – mehr als der Bau ursprünglich gekostet hat.

Vision Theater Plus
Als Reaktion auf die hohen Sanierungskosten haben die Standortförderung Winterthur, der Tourismusverband und die HAW seinerzeit das Projekt «Vision Theater plus» lanciert. Die Idee war, das alte Theatergebäude durch einen Neubau zu ersetzen, welcher Theater- mit Hotel-, Wohn- und Kongressinfrastruktur verbinden würde. Wie so oft stiess das visionäre Projekt auf grossen Wiederstand. An vorderster Front dabei war die heutige Stadträtin Christa Meier (SP). Sie forderte per Interpellation die Überprüfung der tatsächlichen Sanierungskosten – der Grund, weshalb die «Vision Theater Plus» überhaupt lanciert wurde. Und siehe da, plötzlich waren es laut Stadtrat nicht mehr CHF 40 Mio., sondern nur noch etwas mehr als CHF 12 Mio., die für die Sanierung aufgewendet werden mussten. Prompt wurde die «Vision Theater Plus» versenkt und Frau Meier sah sich in ihrer Vermutung bestätigt: «Dass die Kosten gleich so viel tiefer sind, ist eine positive Überraschung. Das ist ein klares Zeichen, dass das bisherige Theater erhalten bleiben kann», wird sie 2015 im Landboten zitiert. Auch der Theaterverein, der Unterschriften gegen den Neubau gesammelt hatte, forderte in seiner Medienmitteilung vehement: «Jetzt muss man die Abrisspläne sofort fallen lassen». Mit dem Wegfall des Kostenarguments verlor die «Vision Theater Plus» ein gewichtiges Argument und wurde schliesslich 2016, im Glauben um die tiefen Sanierungskosten von gut CHF 12 Mio., beerdigt.

Ergänzungsstudie 2018
Zwei Jahre später, Ende 2018, wurde die Ergänzungsstudie publik, die der Stadtrat in Auftrag gegeben hatte, um eine aktualisierte Grundlage über den Sanierungsbedarf des Theaters zu erhalten. Das Ergebnis der Studie wies einen Investitionsbedarf von CHF 19.4 Mio. aus und bildete 2019 die Grundlage für die offene Ausschreibung. Dann wurde es lange still um das Theater, wohl auch weil die Bevölkerung in der Folge mit anderen Problemen zu kämpfen hatte.

Verdopplung der Kosten
Mitte Juni 2022 veröffentlicht der Stadtrat eine Weisung an das Stadtparlament und kurze Zeit später die dazugehörige Medienmitteilung. Der Inhalt überrascht sämtliche Beobachter: Für die «grosszyklische Sanierung» des Theaters sind inkl. Projektierungskosten über CHF 38 Mio. nötig. Dabei handelt es sich zum weitaus grössten Teil (CHF 30.6 Mio.) um gebundene Ausgaben, über die der Stadtrat allein verfügen kann. So weicht er der politischen Diskussion aus.

Die Stadt baut zumeist luxuriös und teuer und plant jeweils auch genügend Reserven (Projekt- und Stadtratsreserven) ein. Eine Verdopplung der Kosten kann die Winterthurer Bevölkerung nicht einfach so hinnehmen. Der Stadtrat versucht gar nicht erst, den Kostenanstieg zu erklären. In der Weisung wird lediglich in einem Satz am Rande erwähnt, dass hinsichtlich der Kosten [. . .] erheblich von der Ergänzungsstudie abgewichen wird (S. 3) – sonst sucht man vergeblich nach einer transparenten Erklärung, wie es zur Kostenexplosion gekommen ist.

Behördliche Hürden
Möchte man die Kosten der Ergänzungsstudie und der neuen Weisung in eigener Recherche vergleichen, scheitert man (zumindest vorläufig) an den Hürden der Behörden. In der Ergänzungsstudie sind die genauen Zahlen ausgeblendet, mit dem Hinweis, dass die Arbeiten noch öffentlich ausgeschrieben werden. Doch diese Ausschreibung wurde unlängst von der HSSP AG aus Zürich gewonnen – es gibt also keinen Grund mehr für die Intransparenz. Doch weder das Baudepartement noch die zuständige Projektleiterin können laut eigenen Aussagen die alten Zahlen herausgeben und verweisen auf andere Departemente.

Keine Konsequenzen
Schlussendlich hinterlässt die Geschichte um die Sanierung des Theaters einen bitteren Nachgeschmack bei allen Beteiligten. Nicht nur wurde das Projekt «Vision Theater plus» aufgrund falscher Versprechen ad acta gelegt, die Stadt scheint sich auch nicht im Geringsten zu genieren, dass das Sanierungs-Projekt plötzlich das Doppelte kostet. Einmal mehr hält der Stadtrat nicht, was er versprochen hat und erhitzt damit die Gemüter vieler Winterthurer und Winterthurerinnen. Auch sie werden die enormen Ausgaben jedoch nicht mehr verhindern können, da diese vom Stadtrat als gebunden klassifiziert wurden

Amiel Schriber / Ralph Peterli
HAW Winterthur

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