04.09.2026 | Unterwerfung im Machtspiel der Mächtigen / von Bernhard im Oberdorf
Naivität im pazifistischen Gefieder
Es geht bisweilen die Rede um, dass eine fundamentalistische Neutralität vor Angriffen schützt. Doch die pazifistische Taube könnte Federn lassen, denn wie eine politologische Analyse zeigt, kann das Gegenteil der Fall sein.
Fast schon klassisch ist es, wenn Spitzenpolitiker aufgrund innenpolitischer Schwierigkeiten die Konfrontation im Ausland suchen, sei das zur Ablenkung, zur Erzielung eines Solidaritätseffektes geschlossener Reihen oder um Wahlen zu verhindern. Oder es geht um Imperialismus. In allen Fällen schert sich ein Aggressor, sei es aus Verzweiflung oder aus Machtstreben, um die Neutralität eines Landes – es zählt nur der eigene Nutzen, aber weder Werte noch Moral.
Imperialisten und Verzweifelte ignorieren Neutralität
So kann es sein, dass Benjamin Netanjahu, dem in Israel ein Prozess wegen Korruption droht, an einer Kriegsführung interessiert sein könnte: wenn Krieg herrscht, sind Wahlen schwierig bis unmöglich. Es wäre sogar denkbar, dass er aus einer Unterschätzung des Hamas Angriffes durchaus Vorteile sah; das Ergebnis ist bekannt und führte über Gaza und den Libanon bis zum Angriff auf den Iran. Hier könnte die Schweiz über iranische Rundumschläge indirekt betroffen sein.
Bei Donald Trump liegt eine Verurteilung (wegen bezahltem Schweigegeld) vor, doch als Präsident geniesst der Verurteilte eine Immunität. Da hat er ein Interesse daran, lange Präsident zu bleiben, um allenfalls von einem freundschaftlich gesinnten Nachfolger begnadigt zu werden. Aussenpolitische Konfrontationen sind dann als Ablenkung geeignet, so wie das beispielsweise im Falle von Epstein sein kann. Wenn es nützt, kümmert ihn die Neutralität eines Landes nichts; er würde sogar Hand an Verbündete legen.
Allerdings greift hier auch das Umgekehrte: Seine instinkt- statt strategiegesteuerte Kriegsführung gegen den Iran hat weltweit und innerhalb der USA derart grossen Schaden angerichtet, dass er diesen Krieg angesichts der innenpolitischen Lage, den Zwischenwahlen, so nicht weiterführen kann; kein Problem ist gelöst, aber neue wurden geschaffen. In der Sackgasse um sich schlagend wäre die Schweiz bei Komplikationen betroffen, dann aber ungeachtet einer plakatierten Neutralität.
Bei Wladimir Putin ist es – derzeit! - nicht so, dass er den Krieg braucht, um von innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken: dazu basiert das System zu sehr auf einem Totalitarismus. Bei Putin ist die Motivation eine Imperialistische. Bei totalitären Systemen ist zwar ein Zusammenbruch möglich, wie bei der Wende. Doch wenn Kernwaffen im Spiel sind, liegt ein Griff in die Atomkiste aus Verzweiflung im Rahmen des Möglichen. Der Glaube, Neutralität könne hier einen Schutz im gesamten Gefüge bieten, führt in die Irre.
Bei den Machthabern im Iran kann der Krieg auch das Terrorregime festigen und zur Niederschlagung der Opposition nützlich sein. Die Machterhaltung ist hier ein zentrales Ziel einer Militärdiktatur oder einer Theokratie. Da heiligen alle Mittel den Zweck. Da liegt auch Westeuropa und darin die Schweiz in der Reichweite der Raketen. Diesen ist die deklarierte Neutralität egal.
Närrisches Narrativ der fundamentalistischen Neutralität
Kann nun eine fundamentalistische Neutralität eine Garantie sein, um nicht angegriffen zu werden? Das ist ein Narrativ, das eine Narretei ist. Wenn wir man sich die Hände bindet, um auch gegen Kriegsverbrecherwegen deren Vetomacht in der Uno keine Sanktionen mehr ergreifen zu können, dann ist man in Hilflosigkeit gefesselt. Wer sich zum Wurm macht, muss sich nicht wundern, zertreten zu werden.
Angesichts dessen, was alles zu Kriegen motiviert, ist kein Platz dafür, dass Rücksichtslose vor einem «Neutralitarismus» rücksichtsvoll Halt machen. Im Gegenteil: Schwächen werden ausgenutzt, wenn es den Zielen der Machtorientierten dient.
Damit ist es sinnvoll, nicht in einer Nato integriert zu sein, aber mit dieser in einer komplexen Welt zu kooperieren: Dann ist die Schweiz immer noch neutral, aber doch nicht hilflos allein.
Bernhard im Oberdorf
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