10.08.2026 | Lucia Angela Cavegn
Heidi Bucher – Liesl Raff: Closer
In diesem Jahr hätte die Winterthurer Künstlerin Heidi Bucher ihren 100. Geburtstag feiern können. Ihr Leben endete jedoch früh: Am 11. Dezember 1993 erlag sie mit 67 Jahren ihrem Krebsleiden in Ingenbohl bei Brunnen SZ. Wenige Tage zuvor wurde ihr der Kulturpreis der Stadt Winterthur zugesprochen.
Heidi Bucher erlebte in ihrem Todesjahr noch die Würdigung ihres Schaffens: Die Kartause Ittingen (heute Kunstmuseum Thurgau) widmete ihr von Mitte August 1993 bis Mitte Januar 1994 eine Ausstellung. In den darauffolgenden Jahren interessierte sich die Kunstwelt kaum mehr für das eigenwillige Œuvre von Heidi Bucher. Die biografischen Bezüge ihrer Arbeiten, insbesondere bei den «Häutungen» des Herrenzimmers ihres Vaters und des «Ahnenhauses» (der ehemaligen Obermühle gegenüber der Villa Flora) verleiteten dazu, Heidi Bucher als lokal bedeutsame Künstlerin einzustufen, obschon sie bereits in jungen Jahren international vernetzt war.
Das Kunst Museum Winterthur zeigt zum 100. Geburtstag von Heidi Bucher eine Ausstellung mit ausgewählten Werken – keine «Häutungen», sondern zahlreiche sorgfältig ausgeführte Arbeiten auf Papier. Diese wenig bekannten Werke stehen im Dialog mit zeitgenössischen Installationen der Wiener Künstlerin Liesl Raff, die ebenfalls Latex als künstlerisches Material verwendet. Die von Lynn Kost kuratierte Ausstellung trägt den Untertitel «Closer», der auf die gemeinsame künstlerische Auseinandersetzung beider Künstlerinnen mit Materialität, Körper und Raum verweist. Die Ausstellung vermittelt zudem die sinnlichen Qualitäten künstlerischer Medien und macht die Hautähnlichkeit von Latex unmittelbar erfahrbar.
Heidi Bucher wurde am 23. Februar 1926 als Adelheid Müller in eine grossbürgerliche Familie geboren und wuchs an der Lettenstrasse in Winterthur-Wülflingen auf. Ihr Vater Carl Müller, von Beruf Ingenieur, richtete sich in der elterlichen Villa aus dem Jahr 1895 ein sogenanntes Herrenzimmer ein, in dem seine Waffensammlung und seine Jagdtrophäen ausgestellt waren. Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter, vollzog die Künstlerin hier 1978 eine ihrer ersten «Häutungen». Der Weg zu ihrem künstlerischen Selbstverständnis war von mehreren Wendepunkten geprägt. Nach einer Lehre als Damenschneiderin besuchte Heidi Müller von 1944 bis 1947 die Modefachklasse der Kunstgewerbeschule Zürich und nahm Unterricht u.a. bei Elsi Giauque, Max Bill und Johannes Itten. Danach reiste sie viel – nach London, Paris, Südfrankreich, Sizilien und schliesslich nach New York, wo sie Mitarbeiterin der World House Galleries wurde und 1958 ihre farblich und formal raffiniert gestalteten Seidencollagen präsentieren konnte. Solche Seidencollagen sind in der aktuellen Ausstellung zu sehen, ebenso wie Modeentwürfe, abstrakte Aquarelle, Eindrücke der Negev-Wüste und Pflanzenstudien aus ihrem Frühwerk.
1961 heiratete die Künstlerin den neun Jahre jüngeren Kollegen Carl Bucher in Zürich; aus der Ehe gingen die beiden Söhne Indigo und Mayo hervor. Ab 1967 arbeitete das Künstlerpaar zusammen. 1970 ermöglichte dann ein Kunststipendium die Übersiedlung nach Kanada; 1972 zog die vierköpfige Familie nach Kalifornien. Das Paar erlebte eine produktive und künstlerisch erfolgreiche Zeit mit gemeinsamen Ausstellungen in wichtigen Institutionen. Mit den «Bodyshells», einer Gruppe von tragbaren, ausserirdisch wirkenden Schaumstoffskulpturen, sorgte das Paar 1972 für Furore, als es diese am Strand von Venice Beach während einer Performance inszenierte und filmisch dokumentierte.
1973 erfolgte eine Zäsur mit der Rückkehr in die Schweiz und der anschliessenden Scheidung. Heidi Bucher nahm in einer ehemaligen Metzgerei Domizil und richtete ihr Atelier in den ehemaligen Kühlräumen ein. Hier begann sie, alte Wohn- und Kleidungstextilien mit einer dicken Latexschicht zu konservieren. Später ging sie dazu über, die Wände ihres Ateliers mit Latex zu bestreichen, um die getrocknete Schicht anschliessend als Haut abzuziehen. Es war dies die erste «Häutung», ein performativer Akt mit kathartischer Wirkung und zugleich die Aneignung eines (eigenen) Raumes. Neben den «Häutungen» entstanden in dieser Zeit weitere bedeutende Werkgruppen. Im Kunst Museum Winterthur beeindrucken besonders die in Saint-Paul-de-Vence entstandenen Frottagen aus den späten 1970er-Jahren. Zeitlich fallen sie mit den ersten «Häutungen» zusammen und markieren den Übergang zu jener Werkphase, die für ihre spätere internationale Anerkennung entscheidend werden sollte.
In den folgenden Jahren häutete Heidi Bucher nicht nur das Herrenzimmer ihres Vaters und das Haus ihrer Grossmutter mütterlicherseits (die ehemalige Obermühle), sondern realisierte weitere Häutungsaktionen an geschichtsträchtigen Orten, darunter die ehemalige Augenklinik in Zürich (heute Kunsthistorisches Seminar der Universität Zürich), das stillgelegte Gefängnis in Le Landeron, das verlassene Hotel Grand Albergo in Brissago, die Villa Lindengut in Winterthur und das Audienzzimmer von Dr. Ludwig Binswanger im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen. Die abgezogenen Latexhäute bestrich Heidi Bucher mit Perlmutterpigment, was ihnen eine irisierend-schimmernde Oberfläche verlieh. Ihre «Häutungen» liess sie fotografisch und filmisch dokumentieren. Gekonnt setzte sie sich selbst und ihre Arbeiten in Szene, indem sie ihren Körper mit den «Häutungen» umhüllte oder diese «Haut-Räume» öffentlich zur Schau stellte. Einige Filmdokumente sind im Oktagon zu sehen.
Die Wahrnehmung, Gestaltung und Aneignung von Räumen spielen auch im Schaffen von Liesl Raff (*1979 in Stuttgart) eine zentrale Rolle. Für die Ausstellung im Kunst Museum Winterthur hat sie in den beiden, mit ausrangierten Tanzbodenflächen ausgelegten Ausstellungsräumen subtile Interventionen vorgenommen, um Heidi Buchers fragile Arbeiten auf Papier ihrer Materialität und Textur entsprechend zu präsentieren. So hat Liesl Raff den Kabinettraum mit zwei vorhangähnlichen Raumtrennern, den «Curves», unterteilt. Diese Hängeobjekte bestehen hauptsächlich aus halbtransparenter Schleiernessel (feines Baumwollgewebe) sowie aus pigmentgefärbten, eigenhändig ausgegossenen Latexflächen, die sich über dem Boden wölben. Die Engführung des Blicks setzt sich im Foyer des Obergeschosses fort, wo Liesl Raff entlang der Wand einen schmalen «Corridor» aus aufgespannten Latexflächen aufgebaut hat. Die in Metallrahmen befestigten Latexflächen erinnern an Trommelhäute oder aufgrund ihrer Farbgebung ganz allgemein an menschliche Haut. Aristide Maillols steinerne Skulptur «Nacht» ist für die Dauer der Ausstellung in einem Farbraum eingebettet, der abends beim einfallenden Westlicht zu leuchten beginnt.
Heute zählt Heidi Bucher zu den international anerkannten Künstlerinnen mit einem gesicherten Platz in der Kunstgeschichte. Rückblickend zeigt sich, dass ihr Werk in der Schweiz lange unterschätzt wurde – wohl auch, weil es seiner Zeit voraus war.
Adresse:
Kunst Museum Winterthur Beim Stadthaus
Museumstrasse 32
8400 Winterthur
https://www.kmw.ch/ausstellung/heidi-bucher-liesl-raff/
Öffentliche Führungen am Abend:
1.9. / 15.9. / 27.10., jeweils 18.30 bis 19.30 Uhr
Öffentliche Führungen am Sonntag:
6.9. / 13.9. / 27.9. / 4.10. / 1.11., jeweils 11.30 bis 12.30 Uhr
Dienstag, 18. August 2026, 18.30 bis 19.30 Uhr
Öffentliche Führung mit Kurator Lynn Kost
Dienstag, 20. Oktober 2026, 18.30 bis 19.30 Uhr
Gespräch mit Künstler Mayo Bucher, Sohn und Nachlassverwalter von Heidi Bucher, und Kurator Lynn Kost.
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