01.07.2022

Gretchenfrage: Inflation vs. Rezession

In den vergangenen sechs Monaten sind die Rezessionsrisiken stetig gewachsen. Der Anstieg der Kapitalmarktzinsen scheint kein Ende zu nehmen. Dabei haben die Zentralbanken gerade erst mit dem Zinsanheben begonnen. Gestiegene Kapitalmarktzinsen führen zu massiven Abschreibern auf Finanzaktiva. Real haben die weltweiten Obligationen- und Aktienmärkte seit Anfang Jahr gut 20% verloren. Die Zukunftsaussichten bleiben herausfordernd, da hohe Inflation und Rezessionsrisiken weiterhin auf den Finanzmärkten lasten.

Die Mehrheit der Ökonomen war bis anhin optimistisch, dass die positiven Rückmeldungen der Unternehmungen ein ansprechendes Wachstum erwarten lassen würden. Insbesondere die güterproduzierenden Unternehmen konnten über volle Auftragsbücher berichten und auch die Stimmung bei den Dienstleistern war nach Corona verbessert. Die Kritiker fokussierten auf die erheblichen Konjunkturrisiken und gingen davon aus, dass der Überkonsum von Gütern bald ein natürliches Ende finden würde und dass die notwendige fiskalische Konsolidierung einen erheblichen Rückgang der Endnachfrage auslösen könnte. Ferner gehen sie davon aus, dass der a.o. Inflationsanstieg die Konsumenten deutlich Kaufkraft kosten wird und dadurch die Wahrscheinlichkeit einer Rezession steigt.

Nun ist die Nachfrage in den letzten Monaten tatsächlich vielerorts zurückgegangen und die Konsumentenstimmung ist in fast allen Industrienationen Nahe der historischen Tiefststände. Ein Blick auf die aktuellen Vorlaufindikatoren macht deutlich, dass die Stimmung bei den Unternehmen sich zwar verschlechtert hat, dass diese im historischen Vergleich aber noch überdurchschnittlich erscheint. Eine Wachstumsverlangsamung scheint aber unausweichlich. Bei den Dienstleistern könnte der gerade erst begonnene Aufschwung ein jähes Ende finden. Gleichzeitig wächst der Pessimismus der privaten Haushalte.

Für Anlagekunden ist weniger der Konjunkturausblick relevant als vielmehr die steigenden Zinsen. Diese sind für das Finanzsystem ein Riesenproblem und stellen eine noch grössere Herausforderung für die Bewertung der meisten Anlageklassen dar, auch wenn wir uns eine Normalisierung im System wünschen. Angesichts von Kernraten der Inflation (u.a. ohne Energiepreise) von 6% und mehr in den angelsächsischen Ländern, beinahe 4% in der Eurozone und fast 2 Prozent in der Schweiz scheint ein weiterer Zinsanstieg sehr wahrscheinlich. Allerdings sind die Kernraten bereits heute unangenehm hoch.

Bleibt die Konjunktur intakt, steigen die Zinsen wohl weiter und es ist mit Kursverlusten zu rechnen. Gehen wir in eine Weltrezession, wird dies aufgrund der gesunkenen Ertragsaussichten die Kurse belasten. Es gilt vorsichtig zu bleiben. Für eine Erhöhung der Risikopositionen ist es deshalb zu früh. Das Risikomanagement, welches wir mit unserem Anlagekonzept identifizieren und steuern bleibt sehr wichtig. Kaufgelegenheiten können sich auch im aktuell schwierigen Marktumfeld ergeben. Wir versuchen diese im Rahmen einer diversifizierten individuellen Strategie für unsere Kunden zu nutzen.

Winterthur Consulting Group AG
Rolf Gloor / Dr. Ralph Peterli

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