Forum Winterthur

24.08.2026 | Redaktion Forum Winterthur
Einsatz der Schweizer Armee für den Frieden im Kosovo

Oberst im Gst Rico Randegger kommandierte von Oktober 2025 bis April 2026 die Joint Logistic Support Group der Swiss Coy KFOR Truppe im Kosovo. Er informiert am Dienstag 8, September 2026 um 19.00 im Restaurant Rössli über seine Erkenntnisse und Erfahrungen im Kosovo. Forum Winterthur konnte vorgängig mit Rico Randegger ein Interview zu seinem Einsatz als Mitglied der Swiss Coy KFOR führen.

Sie waren Mitglied der Konzernleitung eines traditionsreichen Winterthurer Industrieunternehmens und übernahmen anschliessend das Kommando der Joint Logistics Support Group im Kosovo. Was hat Sie persönlich zu diesem Schritt bewegt?
Nach sechs Jahren in der Führung einer Division und angesichts bevorstehender Veränderungen im Konzern war es an der Zeit für eine persönliche Lagebeurteilung. Mit dem Erwachsenwerden unseres jüngsten Sohnes bot sich die Möglichkeit, auch etwas weiter unten in die «Bucket List» zu schauen. Seit vielen Jahren wollte ich mich an einem militärischen Einsatz der Friedensförderung beteiligen. Nach Konsultation der Familie kam ich zum Schluss: «now or never!» Dazu kam, das mit der verfügbaren Aufgabe eines Regimentskommandos eine aussergewöhnliche Aufgabe gegeben war.

Was waren Ihre Hauptaufgaben und Verantwortlichkeiten im Kosovo?
Als Kommandant der Joint Logistics Support Group (JLSG) war ich als Regimentskommandant direkt dem Kommandanten der KFOR, Major General Ulutaş unterstellt.
Die JLSG spielt eine zentrale Rolle in der Einsatzbereitschaft und Beweglichkeit der KFOR. Wir transportieren alle Soldatinnen und Soldaten bei Rotationen und führen Materialkonvois zwischen den Häfen in Griechenland sowie Albanien und dem Einsatzraum durch. Weiter sind wir für die Versorgung mit Treib- und Schmierstoffen aller Kategorien sowie den Betrieb des militärischen Flughafens in Slatina verantwortlich. Im Fall einer Lageverschärfung ist die JLSG vital: Nur sie verfügt auf Stufe KFOR über die Mittel taktisch, im permissiven oder nicht-permissi­ven Umfeld, Verkehrsträger zu öffnen oder zu sperren.

Was war die grösste Herausforderung?
Zunächst musste ich verstehen, wie der Organismus KFOR funktioniert. Die Offiziere und die Truppe rotieren alle sechs bis zwölf Monate. Daneben gibt es eine Ebene von zivilen, teils langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Zwischen diesen beiden Ebenen bestehen Zielkonflikte, die ich erst nach und nach erkennen konnte. Danach gelang es mir durch geschicktes Navigieren zwischen den unterschiedlichen Interessen und dem gezielten Aufbau tragfähiger Arbeitsbeziehungen innerhalb der KFOR Dinge zu bewegen.

Logistik klingt auf den ersten Blick wenig spektakulär – im internationalen Militäreinsatz ist sie jedoch entscheidend. Welche Lehren aus dem Kosovo Einsatz können für die Schweizer Armee generell gezogen werden.
Als erstes kann ich festhalten, dass unsere Milizarmee mit den Berufsarmeen der an der KFOR beteiligten Staaten ohne Problem mithalten kann!
Die Schweizer Logistik ist m.E. auf Perfektion ausgelegt. Am Beispiel der Einsatzarmeen kann man lernen, das Pragmatismus und Delegation im Einsatz entscheidend sind. Daher müssen wir unsere Art der «Neuwert Instandhaltung» überprüfen und der meist top qualifizierten Truppe mehr Kompetenzen geben.

Der Kosovo-Einsatz ist für viele Schweizer Soldaten und Soldatinnen eine prägende Erfahrung. Gab es einen Moment, der Ihnen besonders die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit vor Augen geführt hat?
Als JLSG-Kommandant ist man nicht nur in die logistischen und operativen Fragestellungen der KFOR eingebunden, sondern arbeitet auch eng mit NATO-Partnern im multinationalen Umfeld zusammen. In diesem Kontext erhält man Einblick in übergeordnete Planungsprozesse und beteiligt sich an entsprechenden fachlichen Diskussionen.

Im Austausch mit neu hinzukommenden truppenstellenden Nationen werden zudem geopolitische und strategische Fragestellungen thematisiert, die gemeinsam mit Kameradinnen und Kameraden aus Partnerstaaten reflektiert und eingeordnet werden. Dies trägt wesentlich zur Weiterentwicklung der strategischen und operativen Führungskompetenz von Schweizer Kadern bei.

Ein solcher Einsatz hinterlässt Spuren. Welche Begegnung oder Erfahrung aus Ihrer Zeit bei der Swisscoy wirkt bei Ihnen bis heute am nachhaltigsten nach?
Die bewegendsten Momente waren sicherlich diejenigen, an welchen wir uns an die Opfer des Einsatzes erinnert haben. Seit Beginn der KFOR-Mission 1999 sind insgesamt über 200 Peacekeeper aus den truppenstellenden Nationen im Einsatz gestorben. Die Mehrheit durch Unfälle oder Krankheiten. Als Schweizer sind wir es uns nicht gewohnt, den Preis für Freiheit in dieser Form zu erleben. Das bewegt einem.

Auf der anderen Seite stehen die vielen Begegnungen mit starken Persönlichkeiten, voller Energie, Tatendrang und Erfahrung. Mit einigen pflege ich heute noch Kontakt und freue mich auf jedes Wiedersehen!

Sagen Sie uns Ihre Meinung

Kommentar schreiben

Teilen Sie diesen Artikel