Forum Winterthur

23.03.2026 | Lucia Angela Cavegn
Ausstellung «Simon Starling»

Simon Starling wurde 1967 in Epsom (UK) geboren und zählt heute zu den bekanntesten Konzeptkünstlern. In seinen künstlerischen Arbeiten reflektiert er Systeme sowie deren Grundlagen und Veränderungen, seien diese ökologischer, ökonomischer oder künstlerischer Natur.

Ausgangspunkt der aktuellen, von Konrad Bitterli und Andrea Lutz kuratierten Ausstellung ist die Auseinandersetzung mit Adolph von Menzel (1815–1905), einem bedeutenden realistischen Maler, den Oskar Reinhart an der sogenannten Jahrhundertausstellung deutscher Kunst 1906 in Berlin für sich und seine Sammlerleidenschaft entdeckte. Die epochale Ausstellung bot einen Überblick über die Kunst Deutschlands, Österreichs und der Schweiz zwischen 1775 und 1875 vor dem Hintergrund der damaligen Impressionismus-Rezeption.

Adolph von Menzel, ursprünglich aus Breslau (heute Polen) stammend, zog mit 15 Jahren nach Berlin und übernahm kurz darauf, bedingt durch den Tod seines Vaters, den Steindruckbetrieb. Berühmt wurde Menzel mit Darstellungen aus dem Leben des preussischen Königs, etwa mit dem «Flötenkonzert Friedrichs des Grossen in Sanssouci» (1852, Alte Nationalgalerie Berlin). Menzels Modernität als Maler zeigt sich jedoch darin, dass er nicht nur protoimpressionistische Alltagsansichten schuf, wie etwa das «Balkonzimmer» (1845, Alte Nationalgalerie Berlin), sondern auch den urbanen Umbruch der preussischen Hauptstadt festhielt. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist der «Anhalter Bahnhof» (1846, Kunst Museum Winterthur Reinhart am Stadtgarten).

Dieses Bild sowie die Ölskizze «Berliner Hinterhäuser im Schnee» (1847/48, Kunst Museum Winterthur Reinhart am Stadtgarten) sind derzeit nicht im Original zu sehen, da der Künstler eine Wand mit schwarz-weissen Gemäldereproduktionen vor die Ausstellungswand gestellt hat. Davor befindet sich eine Bildmontage, die eine Abbildung von Menzels Werk mit der heutigen städtebaulichen Situation kombiniert. Dort, wo sich bei Menzel ein weiter Blick über eine Dachlandschaft eröffnet, ist dieser heute verstellt. Die Adresse ist bekannt: «Ritterstrasse 43» – so heisst auch die Installation von Simon Starling.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Fotomontage dominiert eine zehnfache 3D-Druck-Vergrösserung von Menzels kleinformatigem Werk und erhebt es auf Fenstergrösse. In dieser Installation überlagern sich nicht nur verschiedene Zeiträume, sondern auch das Verhältnis von Bild und Abbild wird befragt. Bezeichnenderweise entstand diese Arbeit während der Pandemie.

Der Untertitel der Ausstellung – «The Artist, Wearing a Mask of Adolph Menzel, Holds Plaster Casts of the Ambidextrous German Painter’s Left and Right Hands» – ist zugleich die Beschreibung jenes Werks, das man beim Betreten der Eingangshalle erblickt. Ein Gerüst aus Stahl in der Grösse des Künstlers trägt eine tieferliegende Maske von Adolph Menzel, der nur knapp 1,40 Meter mass. Angefertigt wurde die japanische No-Maske von Meister Yasuo Miichi. Die Gipsabgüsse von Menzels linker und rechter Hand werden von Lederhandschuhen gehalten. Mit dieser Arbeit setzt sich Starling mit Menzels Begabung auseinander: Dieser war nicht nur ein versierter Maler und Zeichner, sondern auch beidhändig begabt.

Weitere Arbeiten, wie das 1:10-Modell eines Hausboots für das Dorf Ho an der Westküste Dänemarks, das zwei unterschiedliche Handwerkstraditionen – einerseits den südamerikanischen Schilfbootbau und andererseits europäische Reetdächer – verbindet, schlagen eine inhaltliche Brücke zu sammlungseigenen Werken der Alten Meister. Besonders hervorzuheben ist Pieter Dircksz. van Santvoort, dessen «Dünenlandschaft mit Bauernhütten» (um 1620/30) ebenfalls Reetdächer zeigt. Mit dieser an die Arche Noah erinnernden Arbeit thematisiert Starling die Bedrohung von Siedlungen auf Meereshöhe durch den klimabedingten Anstieg des Meeresspiegels. Auch die Arbeit «One Ton III» (A Restoration Project / after Jules Beck) setzt sich mit den Folgen des Klimawandels auseinander – in diesem Fall mit dem Verschwinden der alpinen Gletscher.

Caspar Wolf malte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den «Unteren Grindelwaldgletscher»; Jules Beck fotografierte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Morteratschgletscher. Heute besitzen diese Werke über ihren künstlerischen Wert hinaus auch dokumentarische Bedeutung. Ausgehend von den Platin-Palladium-Abzügen von Jules Beck (Alpines Museum Bern) schuf Starling fünf neue Abzüge und brachte diese auf einer viertägigen, 318 Kilometer langen Fahrradreise von Bern zum «Ursprungsort» zurück, wo er die historische Ansicht vor dem Naturvorbild aufstellte. Die Installation korrespondiert als Intervention mit den Werken von Caspar Wolf und weiteren Pionieren der Schweizer Alpenmalerei.

Ausstellungsdauer bis 5. Juli 2026

Weitere Informationen unter https://www.kmw.ch/ausstellung/nedko-solakov/

 

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