Forum Winterthur

16.06.2026 | Lucia Angela Cavegn
Ausstellung «Melancholie zwischen Traum und Wirklichkeit»

Bis zum 23. August zeigt das Museum kunst + wissen in Diessenhofen in einer Gegenüberstellung Werke von Michael Albisser und Marianne Chiu. Beide Kunstschaffenden leben und arbeiten in Winterthur. Die gemeinsame inhaltliche Klammer ist die Melancholie als Triebfeder der Kunst.

Melancholie ist ein Gemütszustand von tiefer, oft langanhaltender Traurigkeit oder Nachdenklichkeit. In der antiken Säftelehre gilt sie als eines der vier Temperamente. Der Begriff «Melancholie» leitet sich vom griechischen Begriff für «schwarze Galle» ab. Kaum ein Werk der bildenden Kunst hat diesen Seinszustand eindrücklicher zum Ausdruck gebracht als Albrecht Dürers berühmter Kupferstich Melencolia I von 1514. Die geflügelte Gestalt sitzt zwischen mathematischen Instrumenten und unfertigen Formen, den Blick in eine unbestimmte Ferne gerichtet. Sie scheint zugleich zu wissen und nicht handeln zu können — ein Sinnbild für den schöpferischen Geist, der mehr ahnt, als er in Worte fassen kann. Bis heute ist die Melancholie eine wichtige Triebfeder für das künstlerische Schaffen. Sie treibt Künstlerinnen und Künstler dazu, hinter die Oberfläche der Dinge zu schauen, Brüche sichtbar zu machen und die Fragilität des Daseins ernst zu nehmen. In der Melancholie liegt eine besondere Form der Wachheit: ein sensibles Registrieren dessen, was fehlt, was verloren ist oder was noch werden kann. Zwischen Traum und Wirklichkeit eröffnet die Melancholie einen Raum, in dem wir uns selbst anders begegnen können — als verletzliche, nach innen gewandte Wesen. Melancholie ist ein Zustand, der von Resignation über grüblerisches Nachdenken bis hin zum sehnsüchtigen Wünschen reicht.

Die Ausstellung befasst sich nicht nur philosophisch mit dem Phänomen Melancholie, sondern verweist mit den Gemälden von Michael Albisser auch auf eine gesellschaftlich verdrängte Realität.

Das künstlerische Schaffen von Michael Albisser ist von einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit der Geschichte und einer kritischen Betrachtung der Gegenwart geprägt. Zwischen 2017 und 2020 lebte er in Diessenhofen, bevor er nach Winterthur zog. Seine Werke thematisieren existenzielle Fragen und gesellschaftliche Spannungsfelder: Suizid, Trauma, Einsamkeit, Depression, sozialer Druck und die Heuchelei westlicher Wohlstandsgesellschaften. Viele seiner Bilder tragen eine bewusst düstere, melancholische Handschrift, inspiriert von den Schattenseiten des Lebens, die sonst oft verborgen bleiben. Für Albisser ist Kunst ein Dialog, der berühren, aufrütteln und zum Nachdenken anregen soll. Stilistisch verbindet er klassische Maltechniken mit modernen Ausdrucksformen: Acrylfarben, Lasuren und Airbrush treffen auf digitale Studien mit 3D-Programmen wie Blender. Inspiriert von Renaissance, Romantik und Realismus schafft er Werke, die zwischen Tradition und Zeitkritik oszillieren und die Dunkelheit des Inneren in zeitlose Bildwelten überführen. 

Seine Bilder rücken die junge Generation ins Blickfeld, die mit Leistungsanforderungen und Gefühlen von Verlassenheit und Hilflosigkeit zu kämpfen hat, insbesondere dann, wenn die Mutter von Gewalt betroffen ist. Den Erlös aus dem Verkauf seiner Bilder spendet der Künstler deshalb der Fachstelle Opferhilfe Thurgau.

Marianne Chiu alias Mali ist eine spätberufene, weitgereiste Künstlerin. Ihre Heirat mit einem Chinesen ermöglichte ihr einen tiefen Einblick in die chinesische Kultur. Um die chinesische Sprache zu lernen, reiste sie 2009 nach Nordwestchina. Zurück in der Schweiz entdeckte sie durch eine Freundin ihre Leidenschaft für die Malerei. Ihre künstlerische Entwicklung verlief vorwiegend autodidaktisch und wurde durch eine einjährige Ausbildung an einem Kunstinstitut in den USA ergänzt. Mali arbeitet vor allem in den Techniken Ölmalerei, Mixed Media und Collage. Die farbenreichen Bilder von Mali sprechen eine kraftvolle und zugleich sanfte Sprache. Sie sind Resultat einer seelenvollen Innenschau, welche das Tor zu einem zauberhaften Kosmos voller Tiere, Blumen und Fabelwesen aufstösst. Ihre Werke bringen eine mystische Verbindung aller Lebewesen zum Ausdruck. Es sind Bilder einer zarten Hoffnung, einen Ort zu finden, an dem das Subtile, das Fragile und das Sensible einen Platz haben.

Die Ausstellung ist so aufgebaut, dass auf der einen Seite die nachdenklichen, gesellschaftskritischen Werke von Michael Albisser hängen; auf der gegenüberliegenden Seite die traumhaft-bunten, fernöstlich inspirierten Gemälde von Marianne Chiu. So bewegen sich die Besucher:innen zwischen zwei konträren Bildwelten, die sich gegenseitig die Waage halten.

Adresse:
Museum kunst + wissen
Museumsgasse 11
8253 Diessenhofen

www.diessenhofen.ch/museum

Öffnungszeiten:
Fr/Sa/So 14 bis 17 Uhr 
Eintritt kostenlos (Kollekte)

Veranstaltungen:
Sonntag, 21. Juni 2026, 15 Uhr: Artist Talk mit Michael Albisser 
Sonntag, 16. August 2026, 15 Uhr: Artist Talk mit Marianne Chiu 
Sonntag, 23. August 2026, 15 Uhr: Finissage mit öffentlicher Führung und anschliessendem Apéro

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