19.01.2021

Lärm um nichts(?): Das 30er-Trilemma

Die VBZ rechnen wegen 30er-Zonen in der Stadt Zürich mit Mehrkosten im zweistelligen Millionenbereich. Auch in Winterthur ist die Einführung von 30er-Zonen ein Thema, wie mehrere Vorstösse im Gemeinderat zeigen. Langsameres Fahren bedeutet mehr Busse und Chauffeure. Doch wer bezahlt die zusätzlichen Kosten, wenn gleichzeitig die Qualität des öV hoch bleiben und Kapazitäten langfristig weiter erhöht werden sollen?

Dass Lärm-Emissionen durch Temporeduktionen reduziert werden können, scheint unbestritten. Belegt wird dies beispielsweise durch eine Wirksamkeitsanalyse zu Tempo 30 in der Stadt Zürich vom Juni 2020. Allerdings wurden dort nicht die versprochenen 3 Dezibel Lärmreduktion gemessen, sondern durchschnittlich gerade mal 1,48 dB (also wahrgenommen 10% tagsüber) und 1.98 dB nachts (also 13%). Zudem werden Unfallrisiken reduziert. Doch kein Vor- ohne seinen Nachteil: Die Umzonung von 50er- zu 30er-Zonen führt zu erhöhten Fahrstunden, was erhöhte Kosten zur Folge hat. Auch wenn laut Stadtrat Stefan Fritschi vom Departement Technische Betriebe aktuell keine detaillierten Berechnungen vorliegen, sind Kostensprünge zu erwarten, da zusätzliche Busse und Chauffeure bereitgestellt werden müssen. Laut Fritschi betrifft dies vor allem Rand- und Nachtstunden, da Busse zu Hauptverkehrszeiten normalerweise nicht schneller als 30 km/h fahren.

Sein Departement verfolgt unter anderem das Ziel eines attraktiven ÖV-Angebots. Demgegenüber steht die Forderung des Baudepartements, die Lärmschutzverordnungen einzuhalten, was bei vielen Hauptverkehrsachsen durch eine Temporeduktion zu erfüllen wäre. Stünden zusätzliche Fahrzeuge bereit, wäre dies auch möglich, sollte man meinen. Das Problem laut Fritschi: «Der ZVV ist nicht bereit, wegen 30er-Zonen neue Fahrzeuge zu zahlen.»

Der ZVV scheint allerdings selbst ebenfalls limitierte Einflussmöglichkeiten zu haben: Mediensprecher Thomas Kellenberger bestätigt, dass in gewissen Fällen zusätzliche Fahrzeuge nötig sind, was zu höheren Kosten bei der betroffenen Verkehrsunternehmung und letztlich beim ZVV führt, ohne dass dadurch die Angebotsqualität verbessert würde. Allerdings stünden dem ZVV als defizitäres Unternehmen nur begrenzt Mittel zur Verfügung, die vom Kantonsparlament gesprochen werden. Je mehr Geld für 30er-Zonen, desto weniger steht für andere Ausbauten zur Verfügung. Dies sei nicht im Sinne eines starken öV, der als umwelt- und klimafreundliches System künftig noch mehr Leute transportieren wolle. Seiner Meinung nach müssen auf politischer Ebene tragfähige Lösungen gefunden werden, beispielsweise durch Kompensation des Zeitverlusts durch geeignete Busbevorzugung.

Stadtrat Fritschi erläutert, dass die Stadt dies selbstverständlich versucht, beispielsweise durch Priorisierungen bei Lichtsignalanlagen oder zusätzliche Busspuren. Wenn dies nicht mehr möglich sei und keine weiteren Mehrkosten entstehen sollen, wäre eine Verschlechterung des Fahrplans die logische Folge. Schlechtere Reiseverbindungen, längere Wartezeiten und damit letztlich ein weniger attraktiver öV –  in einer Stadt, die im Legislaturprogramm die Stärkung des öffentlichen Verkehrs als Langfristziel ausgibt. Das passt schlicht nicht zusammen.

Das Trilemma «Lärmschutz – tiefe Kosten – starker ÖV» lässt sich mit dieser Rechnung nicht auflösen. Auch mit Blick auf die aktuell krisenbedingte Unsicherheit und ein städtisches Budget, das aufgrund von hohen Kosten bereits mehrfach kritisiert wurde: Zumindest auf Hauptverkehrsachsen scheint es sinnvoll, von der Einführung 30er-Zonen abzusehen – auch, um möglichem, durch Temporeduktionen ausgelöstem Schleichverkehr in den Quartieren vorzubeugen. Zudem wird die Technologie ebenfalls Abhilfe schaffen: Der Einsatz lärmarmer Strassenbeläge hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, ebenso leise Reifen. Beide bringen gemäss Bundesamt für Umwelt (BAFU) aktuell Lärmminderungen zwischen 3 und 8 Dezibel.

Red/ms

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Urs Winterthurer 22.01.2021, 06:27

Es würde wohl besser an eine Erweiterung der Autobahnzubringer gearbeitet werden, als einenen Ausbau und Aufstockung des ÖV. Zu diesen und zukünftigen Zeiten wird der ÖV im mehr in den Hintergrund rücken unf auch nicht nötig sein, da viel mehr das Home Office Vorrang haben wird. Warum den ÖV ausbauen, wenn dieser einen grossen einbruch erleben wird.

Dieter Kläy 21.01.2021, 06:54

Tempo 30 in Winterthur ist je nach Strasse auch ein Thema des Kantons, weshalb drei Kantonsratsmitglieder aus Winterthur am 11. Januar entsprechende Fragen beim Kanton eingereicht haben. Die Antworten werden wohl bis Ende März vorliegen.

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